DEPRESSION UND ANTIDEPRESSIVA (1)

Ein guter Artikel eines Berliner Kollegen im reportpsychologie 10/2021 - der Fachzeitschrift des Berufsverbandes Deutscher Psychologen BDP - bringt den neuesten Stand der Forschung. Abhängigkeit und das Absetzen sind oft ein Problem. Wir haben einen eigenen therapeutischen Ansatz zur sanften Wiederherstellung der Selbstregulation der Botenstoffe.

DEPRESSION UND ANTIDEPRESSIVA (2)

Der mehrfach ausgezeichnete amerikanische Wissenschaftsjournalist Robert Whitaker fasst bisherige internationale Forschungsergebnisse zu Wirkungsweise und Folgen langfristiger Einnahme moderner Antidepressiva zusammen:

2016 aktualisierte Version von Whitaker:

 englisch (PDF): deutsch (PDF):

2013 Version:

englisch (PDF): deutsch (PDF):

Website R. Whitaker: www.madinamerica.com

Wie wirksam sind Antidepressiva ?

Wie wirksam sind Antidepressiva ?

Wie wirksam sind Antidepressiva ?

Vereinigte Staaten von Amerika: Suizidzahlen auf Rekordhoch

In den USA nehmen sich so viele Menschen das Leben wie seit 30 Jahren nicht. Das Phänomen trifft beide Geschlechter, zieht sich durch alle Altersklassen; selbst bei Jugendlichen steigen die Zahlen.

Es sind immer mehr Frauen, Männer, gar Jugendliche von nebenan, die nicht mehr leben wollen oder leben können und die ihr Unglück in den Selbstmord treibt. Fast 43000 Amerikaner sind allein im Jahr 2014 freiwillig aus dem Leben geschieden – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Hinzu kommen mehr als eine Million erfasste Selbstmordversuche (Quelle: American Association of Suicidology). Die Zahlen sind innerhalb weniger Jahre deutlich gestiegen: 1999 gab es in den USA keine 30000 Selbstmorde, im Jahr 2011 waren es fast 40000. Tod durch Selbstmord ist in den Vereinigten Staaten von heute die zehnthäufigste Todesursache.

Die Suizidrate ist seit 1999 um 24 Prozent gestiegen.

Die deutlichen Ergebnisse der CDC-Studie überraschen und irritieren: „Es ist wirklich verblüffend, eine so große Zunahme der Selbstmordraten in praktisch jeder Altersgruppe zu sehen“, kommentierte die Gesundheitsexpertin Katherine Hempstead von der Robert Wood Johnson Foundation die Ergebnisse in der New York Times. Diese Entwicklung Eltern, Pädagogen, Gesundheitsexperten und Forscher gleichermaßen auf.

Die Wirtschaftskrise allein kann jedoch nicht der Grund für die erschreckende Dynamik sein. ... Einen Zusammenhang scheint es auch zum gestiegenen Rauschgift- und Medikamentenkonsum zu geben; der Gebrauch von Antidepressiva und Opiaten wie Schmerzmitteln ist bei vielen der Selbstmordtoten nachweisbar.

„Deutsches Bündnis gegen Depression“ betont gleichwohl Antidepressiva vor Psychotherapie:

Das deutsche Bündnis gegen Depression empfiehlt entgegen der S3-Behandlungs-Leitlinie und dem heutigen, hier skizzierten wissenschaftlichen Kenntnisstand Antidepressiva als Erstzugangstherapie auch bei leichten und mittelschweren Depressionen. Dazu lieferten sich Befürworter und Gegner einer Psychotherapie bei leichten und mittelschweren Depression eine PRO versus KONTRA – Diskussion     36,37. 

TV Sendungen aus YouTube zum Thema ANTIDEPRESSIVA:

Interview mit Prof. Müller-Örlinghausen, dem ehemaligen Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, über SSRI-Antidepressiva

Der Copilot des German-Wings - Fluges, der den Absturz verursachte, nahm seit einer Woche das SSRI Antidepressivum Citalopram

Psychopharmaka sind keine Lösung: 

Forscher äußern Kritik

Pressemitteilung von: Ruhr-Universität Bochum

Angststörungen, Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom, Depression, psychische Störungen, Psychopharmaka, Psychotherapie

publiziert in : Zeitschrift EMBO Molecular Medicine

Medikamente helfen langfristig nicht gegen psychische Störungen – diese Meinung vertreten die Bochumer Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider in einem Kommentar in „EMBO Molecular Medicine“. Die Forscher der Ruhr-Universität haben zahlreiche Studien zusammengetragen, die die nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka infrage stellen, teils sogar negative Folgen bei längerer Einnahme dokumentieren. Dauerhaft wirksamer seien Psychotherapien. Die Autoren fordern, psychische Krankheiten nicht allein auf biologische Ursachen zu reduzieren, sondern Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen. 

Die derzeit verfügbaren Medikamente können die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern. Zu diesem Schluss kommen die Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum in einem Kommentar in der Zeitschrift „EMBO Molecular Medicine“.

Medikamente haben nur kurzfristigen Effekt

Margraf und Schneider tragen zahlreiche Belege zusammen, die gegen eine nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka sprechen. Medikamente gegen Depression, Angststörungen und das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom wirken nur kurzfristig; setzt der Patient sie ab, kehren die Symptome zurück. So lautet das Fazit der zitierten Studien. Ähnliche Befunde vermuten die Autoren auch für Schizophrenie-Medikamente.

Eine langfristige Einnahme der Arzneien könne sogar negative Folgen haben, etwa ein gesteigertes Risiko für eine chronische Erkrankung oder erhöhte Rückfallraten.

Letztlich wechselten 20 bis 40% der unipolar depressiven Patienten in den USA mit Langzeit Antidepressiva in eine bipolare Erkrankung. A. Martin, 200232,33

Psychotherapien nicht schnell genug verfügbar

Psychotherapien wie die Kognitive Verhaltenstherapie erzielen laut den Autoren hingegen langfristig deutlich besser anhaltende Effekte. „Das Hauptproblem mit der Psychotherapie sind nicht die Wirksamkeit oder Kosten“, sagt Silvia Schneider. „Es ist die mangelnde Verfügbarkeit.“ Während Psychopharmaka schnell verabreicht werden könnten, müssten Betroffene oft lange auf einen Therapieplatz warten.

Biologische Konzepte reichen nicht

Die Bochumer Psychologen befassen sich in ihrem Artikel auch mit der Frage, warum es nach 60 Jahren intensiver Forschung keine besseren Therapieoptionen gibt. Verantwortlich ist ihrer Meinung nach die weit verbreitete Vorstellung, psychische Störungen könnten sich allein mit biologischen Konzepten erklären lassen.

„Es ist heute Standard, den Patienten und der Öffentlichkeit zu erzählen, dass ein aus dem Lot geratenes Neurotransmittersystem die Ursache für psychische Erkrankungen ist“, erklärt Jürgen Margraf. Dabei sei nach wie vor nicht klar, ob dieses Phänomen Ursache oder Folge sei. Soziale Faktoren dürften nicht vernachlässigt werden. Auch die starren Kategorien von „krank“ und „gesund“ seien bei psychischen Störungen mit ihren vielen unterschiedlichen Ausprägungen nicht hilfreich, so Schneider und Margraf.

Weniger Pharmamarketing, mehr Psychotherapie

Die Autoren fordern, die Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen und den engen Blick auf mögliche biologische Ursachen zu weiten. Große Pharmaunternehmen müssten das Marketing im Bereich Psychopharmaka zurückfahren. Außerdem sollten Betroffene schneller Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bekommen.

Jürgen Margraf, Silvia Schneider: From neuroleptics to neuroscience and from Pavlov to psychotherapy: More than just the “emperor’s new treatments” for mental illnesses?, in: EMBO Molecular Medicine, 2016, DOI: 10.15252/emmm.201606650

Prof. Dr. Jürgen Margraf

Klinische Psychologie & Psychotherapie

Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23169; E-Mail: juergen.margraf@rub.de

Prof. Dr. Silvia Schneider

Klinische Kinder- und Jugendpsychologie

Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23168, E-Mail

12.09.2016

Ruhr-Universität Bochum

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